DAX kollabiert. Wie geht es weiter?

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Ein Kommentar

Der deutsche DAX hat seit dem Jahreshoch bereits 3.000 Punkte oder 22% eingebüßt. Auch die zweite und dritte Reihe musste mit Kursrückschlägen im MDAX (- 22%), SDAX (-26%) und TecDAX (-20%) kräftig federnlassen. Zudem dauert der Abwärtstrend im DAX jetzt schon sieben Monate und sowohl die Stimmung als auch die Nachrichtenlage bleiben desolat.

Stehen wir vor einer langjährigen Börsenflaute mit negativen Konjunkturauswirkungen? Sind schon alle Ursachen des Crashs auf Raten identifiziert? In welchem Kursbereich kommt die erste Konsolidierung?

Fundamentaldaten: Gewinnwarnungen, maue Unternehmensnachrichten, Konjunkturgefahren

Die Börsenschwäche begann mit den bis heute noch anhaltenden Gewinnwarnungen bei Covestro, Talanx, Lufthansa, Daimler, BMW, BASF, Lanxess, Fresenius, HeidelbergerCement, Telekom oder Continental. Betroffen sind primär – hier auch die Mittelständler – die Sektoren Chemie, Automobil- und Maschinenbau und Finanzen. Beängstigend ist der geplante massive Stellenabbau (Bayer 12.000, Deutsche Bank 10.000, Siemens 6.000, Allianz und Telekom 5.000), der ebenfalls quer durch alle Branchen geht und sozialen Sprengstoff enthält.

Erste Warnungen kamen schon im Sommer. Sie wurden jedoch von den mit Brexit, Trumps Handelskrieg mit China und Italiens Schuldenbergen beschäftigten Medien arg ignoriert. Die „Konjunktur brummt“ war unreflektiert zu hören. Bei der Deutschen Bank und Bayer reihten sich zu den exogenen Faktoren die Spätfolgen ihrer US-Engagements dazu. Ein schwacher Trost, dass Deutschland hier nicht isoliert dasteht und im Automobilbereich General Motors, Renault, Honda oder Fiat Chrysler ebenso kräftige Einbußen erleidet.

Ein Unglück kommt selten allein. Fatalerweise gesellten sich zu den Hiobsbotschaften der Unternehmen bald viele Konjunktursorgen. Das BIP fiel hierzulande im dritten Quartal um -0,2%, der Ifo-Geschäftsklimaindex kommt nicht auf die Beine. Auch der hochgejubelte Konjunkturmotor, die Exporte, brummt nicht mehr so laut wie früher.

Obige Bestandsaufnahme ist dem Anlegerpublikum weitgehend bekannt. Neu sind dagegen Befürchtungen einiger Analysten und Wirtschaftsbosse, dass sich die EU und hiesige Gerichte zu sehr in die Wirtschaft (Diesel-Problematik, Energiewende) einmischen und die Politik diesem Druck nachgibt. Derartige Vorwürfe haben, unabhängig vom Wahrheitsgehalt, hohes Entwicklungspotential und könnten bald Schule machen. Werden sie erst einmal medial thematisiert, könnten sie die schlechte Stimmung verstärken. In jeder Krise wird gerne nach neuen Schuldigen gesucht.

Chartanalyse: Bärenmarkt-Zeichen, Konsolidierung erst im DAX-Bereich 9.800 – 9.300 Punkten

Chartformationen sind im Gegensatz zur Fundamentaldaten und Börsenmeldungen nicht medienwirksam, auch wenn TV-Kommentatoren gerne vom „Unterschreiten der psychologisch wichtigen DAX-Marke von 11.000 Punkten“ oder „Das deutsche Börsenbarometer steht jetzt auf dem niedrigsten Stand seit zwei Jahren“ dozieren. Solche Floskeln werden kaum beachtet. Dabei liefert gerade diese, offiziell verpönte, in der Börsenpraxis dennoch verbreitete Analysemethode gute Anhaltspunkte, wie weit ein Index (eine Aktie, ein Wertpapier) im Abwärtstrend fallen kann.

Ohne das riesige, zum Teil widersprüchliche, Instrumentarium der Chartanalyse zu bemühen, erscheint beim DAX aus heutiger Sicht ein Halt im Kursintervall 9.300 – 9.800 Punkte sehr wahrscheinlich. Danach würde es nicht sofort nach oben gehen. Anleger müssten eventuell mit einer tendenzlosen langjährigen Seitwärtsbewegung, wie 2013 – 2016, Vorlieb nehmen.

Die skizzierte Prognose gilt zunächst nur für den Gesamtmarkt, der durch den DAX-Index abgebildet wird. Bei Einzeltiteln gibt es dagegen immer fundamentale, durch gute Nachrichten gesteuerte, Anlagechancen, die mit Hilfe der Strategie stock picking mühsam herauszusuchen wären. In dieser flauen Börsenzeit wird das Geldverdienen auch für Profis schwierig.

Von Analysten und Börsenprofis keine klaren Aussagen zur Markteinschätzung zu erwarten

Während sich nur wenige Konjunkturexperten dann und wann in den Medien zu Wort melden, gilt diese Zurückhaltung nicht für Analysten und Asset Manager. Ihre Tipps sind aber nicht immer hilfreich. Der weniger Informierte sollte die Verhaltensweisen solcher Daueroptimisten hinterfragen, wenn er auf ihre Markteinschätzungen hört. Denn während mit Optionsscheinen (Puts) auch in fallenden Börsenphasen Geld verdient werden kann, sind die Profis vorrangig an Kaufempfehlungen von gebührenträchtigen Finanzprodukten (Fonds, Zertifikate, ETFs) interessiert. Das geht gut im Aufwärtstrend, in dem auch die Börsenumsätze höher ausfallen. Wenn sich, wie heute, der Abwärtstrend nicht mehr verheimlichen lässt, machen sich die Gurus rar mit ihren Empfehlungen. Auch das ist weitgehend bekannt.

Wenn vorgenannte Experten dennoch mit einer neuen Losung vor die Kamera treten oder zur Feder greifen ist ebenfalls Vorsicht geboten. Denn sie reagieren generell zu spät mit den Anpassungen der durch obige Gewinnwarnungen zu reduzierenden Bewertungen. Hieß es noch vor kurzen, in der Niedrigzinsphase gäbe es zur Aktie keine Alternative, wird heute laut verkündet, Aktien seien nach dem KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis) wieder „historisch billig“. Einen guten Beleg, dass auch Profis es nicht besser wissen, liefern ihre Empfehlungen. Bei Fresenius waren vor 3 Monaten noch 50 Analysten für Kaufen und nur 5 für Verkaufen. Der Titel ist dennoch um 33% gefallen.

Fonds machen es sich noch einfacher und messen ihre Anlageleistung statt ausschließlich mit der Rendite mit sog. Rankings, die viele qualitativen Faktoren (Managementleistung, Kundenzufriedenheit) enthalten. Dafür kann sich der Anleger nichts kaufen. Großen Playern wird ohnehin nachgesagt, sie verbreiten in der Baisse nur deswegen „Durchhalteparolen“, weil sie ihre eigenen Depotbestände kursschonend auf Kosten des Privatanlegers abstoßen wollen.

Summa summarum steht fest: Während die Fundamental- und die Chartanalyse ein ungefähres Bild der Börsenlage liefern, ist von Experten die Beantwortung der Frage wie es weitergeht, kaum zu erwarten.

Einige wenige Beruhigungspillen gibt es dennoch

Auch wenn die Lage prekär bleibt, sind im negativen Stimmungsumfeld einige Positivpunkte zu finden. Zum einen fand noch kein hysterischer Ausverkauf statt, der sich in massiven Kursverlusten bei hohen Börsenumsätzen äußert. Beim Crash in 2009 waren die Umsätze etwa dreimal so hoch wie heute.

Zweitens bleiben bis zur Kanalbildung im Intervall 9.300 – 9.800 Punkte rechnerisch noch etwa 10%. Das Schlimmste hätten wir also hinter uns. Weil Verluste zu realisieren, dem deutschen Aktienmuffel schwerfallen dürfte, sollte er warten und später die Bestände sukzessive „verbilligen“. Damit dürfte er ebenfalls Probleme bekommen, weil er unentschlossen ist.

Eine andere Alternative, jetzt zu verkaufen oder später dazukaufen, gibt es aber nicht. Diese Baisse-Strategie gilt gleichermaßen für Indexprodukte (ETFs, Zertifikate), wie für Einzelaktien, bei denen er die Chart-Kanäle entsprechend anpassen müsste.

Ist der Börseneinbruch ein Zeichen einer nahenden Rezession?

Strittig bleibt letztendlich, ob die Konjunktur die Aktienbörse beeinflusst, oder ob es sich umgekehrt verhält. Wahrscheinlich gibt es gegenseitige Interdependenzen. (Die Zinsen haben sich in der Niedrigzinsphase dermaßen verselbständigt, so dass sie in der Analyse außer Acht zu lassen sind). Die klassische Ökonomie bevorzugt unisono den ersten Erklärungsansatz. So weit, so gut.

Ein untrügliches Zeichen einer Wirtschaftsflaute – das Wort Krise mag keiner in den Mund nehmen – bleibt dennoch das Angstsparen, welches die Konsumneigung beeinträchtigt. Erste Meldungen über die schlechten Einzelhandelsumsätze im diesjährigen Weihnachtsgeschäft sind vor diesem Hintergrund als Warnzeichen zu deuten.

Ob eine anhaltende Börsenschwäche eine Rezession auslösen wird, bleibt abzuwarten. (Viktor Heese)

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