Braucht die Türkei noch die EU?

Braucht die Türkei noch die EU?

 

Egal wie man zu Erdogan steht, das Warten auf die Pleite des Landes ist vergeblich. Ginge es nach den ARD-Korrespondenten https://www.youtube.com/watch?v=eiYW2brSu-4&t=41s oder Holger Z.  von der WELT https://www.youtube.com/watch?v=svS98sA6fMc befindet sich Ankara seit Jahren in „wirtschaftlichen Dauerkrise“. Die Agonie will trotzdem irgendwie nicht eintreten. Was sind die Gründe? Vielleicht gibt die Mega-Krise überhaupt nicht? Warum ist der EU-Beitritt heute kein Thema mehr? Wird er für die wirtschaftliche Fortentwicklung nicht mehr gebraucht?

Alte „Tricks“ des politisch korrekten Mainstreams – Schwächen herausstellen, Erfolge verschweigen 

Wie im Falle Polens, Chinas, Russlands oder auch der Türkei sind die Populisten und Autokraten wirtschaftlich nicht zu erfolgreich darzustellen. Lassen sich aber Top-Leistungen derselben nicht mehr verheimlichen – weil es z.B. Weltbank-Daten sind – wird dem Erfolg mit einer langen Reihe von „Opfern“ begründet, die im Westen nicht denkbar sind. Eine ausgewogene Berichtserstattung ist etwas Anderes.

So hört der Leser bei den Wirtschaftsnachrichten vom Bosporus seit Jahrzenten von einem Lira-Zusammenbruch, grassierender Hyperinflation, explodierenden Importpreisen, permanenten Außenhandelsdefiziten und einer drohenden Insolvenz der verarmenden Haushalte. Das ist einerseits zum Teil richtig, wenngleich aufgebauscht, andererseits aber auch nur die halbe Wahrheit.

Denn vom starken Wachstum, der geringen Staatsverschuldung, der funktionierenden Börse, dem Interesse der Auslandsinvestoren für türkische Schuldtitel, einem ordentlichen Investitionsklima und der noch akzeptablen Arbeitslosigkeit erfährt der ARD-Zuschauer und Medien-Konsument wenig. Wer liest schon das „Handelsblatt“, die „Wirtschaftswoche“ oder den gtai-Bericht in denen die Fachleute solche Details erfahren. Zudem braucht kein Otto-Normal-Betrachter zu viele Feinheiten zu kennen.

Dem interessierten Nicht-Fachmann – der durchaus gebildet sein wird – reichen Trendsaufzeichnungen und Antworten auf folgende drei Fragen aus: Ist die Türkei so erfolgreich wie andere Schwellenländer und wenn ja was sind die Quellen des Erfolgs? Gehen von der Hyperinflation und der Währungsschwäche Gefahren für die Weiterentwicklung aus? Und last but not least Braucht die Türkei heute den EU-Beitritt noch um den sie Jahrzehnte lang nachgesucht hatte?  

Wie bei den BRICs gelang Ankara der Aufstieg aus eigener Kraft und ohne die IWF-Rezepte

Die Türkei hat es aus eigener Kraft – nicht zuletzt durch den Ausbau einer starken Binnenwirtschaft – geschafft zum Wirtschaftsplayer aufzusteigen, ohne die Dauerhilfen des IWF, dessen Bevormundung und Rezepturen in Anspruch zu nehmen. Ankara zählt heute zu den wichtigsten Schwellenländern mit Aspirationen dem BRIC(S) und anderen regionalen Zusammenschlüsse (Eurasische Wirtschaftsunion) beizutreten. War China die Werkbank und Indien, Russland und Brasilien entsprechend das Büro, das Rohstofflager und die Plantage der Welt, so darf die Türkei plastisch als der der Arbeitskraftlieferant (7 Mill. Gastarbeiter weltweit) bezeichnet werden. Der positive Effekt blieb nicht aus.

Wenn Ankara 2019 mit einem BIP von 2,4 Bill. € (Kaufkraftparitätsmethode) Spanien über- und Italien fast eingeholt hat, so liegt das neben der höheren Bevölkerungszahl an einem seit Dekaden höherem signifikant Wachstum. https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_L%C3%A4nder_nach_Bruttoinlands … von durchschnittlich etwa 4% p. a. Bei dem Pro Kopf-Einkommen müssen die Türken bei knapp 30.000 USD p.a. noch eine Lücke von 20% zur Ost-EU und von etwa 50% zur West-EU schließen, was ihnen jedoch https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_L%C3%A4nder_nach_Bruttoinlands … womöglich in einer Generation gelingen kann.

Die obigen Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: die Türkei ist nicht mehr das Armenhaus Europas wie vor fünfzig Jahren. Von einer wirtschaftlichen Agonie keine Spur mehr. Auch die Corona-Pandemie hat Ankara mit einem BIP von +2% in 2020 hervorragend gemeistert. Das Wirtschaftsklima ist intakt. Beim Ease of Doing Business 2020 liegt die Türkei verbessert mit Platz 33 (43) vor Italien, der Schweiz, den Niederlanden oder Belgien https://www.doingbusiness.org/en/data/exploreeconomies/turkey. Bei den sonstigen Stimmungsindikatoren besetzt sie Plätze ersten Drittel (Global Competitiveness Index 4.0 Rang 61, Corruption Perceptions Index 2017 Rang 81). Das sind gute und anständige Werte nicht nur im Universum der Schwellenländer. Statt darüber zu berichten doziert Holger Z. (siehe oben) über Enteignungsgefahren durch Diktator Erdogan.

Inflationsturbulenz als Kinderkrankheit der Emerging Markets wird sich abflachen 

Bleiben die Schwachstellen Inflation und Währungsschwäche. Die extrem hohe türkische Inflation (12,3% in 2020 laut statista) – wenngleich unangenehm mit vielen negativen Folgen- ist in einer stark wachsenden Volkswirtschaft kein Drama. Sie bedeutet ja keine Verarmung der Bevölkerung, wie in einer Stagflation, sprich Inflation gepaart mit Stagnation. (Schon etwas vom Realeinkommen gehört, liebe ARD-Korrespondenten?). Die Entwicklung von erfolgreichen Schwellenländern verläuft ähnlich:  Je weiter ein Land dieser Kategorie sich in der Entwicklung befindet, desto langsamer wächst es bei sich stabilisierender Preisentwicklung. Die Türkei ist auf dem Weg dorthin. China hatte 1997 noch eine Inflation von 25% ausgewiesen.

Die Inflation ist nicht durch Kostenfaktoren verursacht und wird größtenteils importiert, als Folge der dauerhaften Schwäche der türkischen Lira. Aber auch hier sind in der stark wachsenden Wirtschaft ein permanentes Außenhandelsdefizit und die damit korrespondierende schwache Währung – beides fest in der Türkei verankert – kein Drama. Denn die Löcher in der Handelsbilanz wurden bislang mit vielen ausländischen Portfolioinvestitionen und dem Geld türkischer Gastarbeiter gestoppt. https://www.ikb-blog.de/tuerkei-beispiel-fuer-eine-wirtschaftspolitisc ….

Der Vergleich zu den USA wird an dieser Stelle etwas verwundern. Dennoch verläuft ökonomisch gesehen hier vieles ähnlich: ein starker Devisenabfluss wegen eines permanenten Importüberschusses („leben über die Verhältnisse“) und ein Devisenzufluss wegen Investitionen gehen Hand in Hand. Was beide Staaten anscheinend haben ist das Investorenvertrauen. Das letzte wollen Ankara die Mainstream-Korrespondenten aus dem Abendland absprechen.

Das anhaltende Vertrauen der Kapitalmärkte wird langfristig die Lira und die Inflation stabilisieren

Für das Vertrauen des Auslandes sprechen zum Beispiel zwei folgende „Beweise“: 1. Die türkischen  Staatsanleihen“ bleiben im Kurs stabil  https://www.finanzen.net/anleihen/tuerkei-anleihen und deuten bei einem ungefährem 5%igen Jahreszins, – wenn sie in USD notieren – auf eher mittleres Risiko (Italiens Zinsen antizipieren ein höheres Risiko!) hin. Auch der türkische Aktienindex ISE (Istanbul Stock Exchange) entwickelt sich ähnlich stark wie der deutsche DAX und hat in den vergangenen 10 Jahren etwa 100% zugelegt. Vorab: Bei internationalen Performance-Vergleichen der Indizes werden diese um die Inflationsraten nicht korrigiert! 2. Die Türkei zählt mit einer Staatsverschuldung von 50% des BIP – Musterschüler und Liebling der Ratingagenturen Deutschland muss sich mit 70% (2019) begnügen! – zu den solidesten Schuldnern https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_L%C3%A4nder_nach_Staatsschuldenquote weltweit. Da bleibt noch viel Platz für eventuelle Schuldenaufnahme, wenn das Außenhandelsdefizit doch ernsthafte Probleme bereiten sollte. Die reichen Golfstaaten wie Katar wären gerne bereit Ankara Milliarden zu leihen: Zuletzt liegt die Türkei mit der arabischen Welt temporär im Streit, der wird aber (wohl?) wie mit Russland deeskalieren.


Andere Märkte heute attraktiver – EU nicht mehr das non plus ultra 

Nach den vorgenannten Ausführungen braucht die Türkei die EU nicht mehr und wird nicht mehr an Brüssels Tür klopfen, wie sie es zwanzig Jahre als „Beitrittskandidat“ getan hatte. Umgekehrt klopft heute hin und die EU wegen der Flüchtlinge an Ankaras Tür. Im Stillen wird das stolze Brüssel die „Flüchtlingspauschale“ von 6 Mrd. € wohl erhöhen müssen, möchte seine Schwäche aber nicht publik machen. Als sich zuletzt vor einer Woche die Kontrahenten trafen, wurde sicherlich drüber und über Zollerleichterungen verhandelt https://www.handelsblatt.com/politik/international/eu-gipfel-warum-die ….

Weil die Türkei inzwischen zu weit entwickelt ist, bekäme es als Nettoempfänger von der EU wenig Unterstützung, die ärmeren Balkan-Neulinge und die Ost-EU haben Vorrang. Spitzenreiter Polen erhält gerade noch 8 Mrd. € jährlich. Einen finanziellen Anreiz gibt es also nicht. Die Öffnung der einst so attraktiven Arbeitsmärkte Westeuropas braucht sie bekanntlich auch nicht mehr.

Der Regionalplayer vom Bosporus hat heute alternativ potente Ersatzpartner im Osten gefunden, wie Russland (Pipeline Turkish Stream), China (Neue Seidenstraße), die arabischen Nachbarstaaten und Mittelasien (in den Ex-Sowjetrepubliken wohnen 60 Millionen sprachlich verwandte Turkvölker). Auch an Ost-EU wird Annäherung gesucht https://visegradpost.com/de/2021/05/26/besuch-des-polnischen-praesiden …. Die Nutzung der geopolitischen Lage (NATO & Co.) für wirtschaftliche Zwecke kommt in jeder Analyse noch ergänzend hinzu.

Fazit:  

Die Entwicklung der Türkei ist mit den Kriterien eines erfolgreichen Schwellenlandes zu beurteilt in dem die Wirtschaft dynamisch und volatil wächst aber auch in der Anfangsentwicklung Schwächen aufzeigt. Lieblingsfloskel des Mainstreams wie Erdoganomics hin, Verletzung der Menschenrechte her, ändern daran nichts. Unseren ARD-Korrespondenten und Holger Z. täte stattdessen ein Kurs in 1 x 1 in Volkswirtschaftslehre gut. Vielleicht brauchen sie ihn überhaupt nicht, solange in Brüssel eine Realitätsverweigerung herrscht. Auch den deutschen Medienkonsumenten wird eine objektive Berichtserstattung wenig interessieren. Er sonnt sich lieber unverändert im Glauben an Deutschlands Wohlstand und Wirtschaftsmacht und will nicht wahrhaben, dass ihn einstige Habenichte überholen.

https://www.wallstreet-online.de/nachricht/14208942-tuerkei-eu

 

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