DEVISE ZU SOWJETZEITEN: MEHR ARBEITEN, WENIGER BETEN Warum der radikale Islam in Zentralasien keine Chance hat

DEVISE ZU SOWJETZEITEN: MEHR ARBEITEN, WENIGER BETEN  Warum der radikale Islam in Zentralasien keine Chance hat

Von DR. VIKTOR HEESE | Viele fragen sich, warum in Zentralasien trotz der Nähe zu Afghanistan und Pakistan der Islam (noch?) so „friedlich“ ist. Von hier gehen zunächst keine radikal-islamischen Gefahren aus. Dieser überraschende Befund widerspricht nicht dem Fakt, dass ausgewanderte muslimische Usbeken, Kirgisen oder Kirgisen im Ausland viele Attentate verübt haben. Dies würde ihnen in der Heimat nicht gelingen. Der radikale Islam ist nicht an die Nationalität gebunden, wie es die aktuelle Diskussion um deutsche IS-Kämpfer in Syrien zeigt.

Was berichten die Systemmedien über die Region?

Zentralasien steht nicht im Fokus der Westmedien. Berlins Wertebrille sieht auch dort Demokratiedefizite, gelenkte Diktaturen, Menschenrechtsverletzung und polizeistaatliche Unterdrückungen. Beklagt wird, dass Autokraten ständig mit über 90 Prozent zu Präsidenten (wie die Bundespräsidenten) gewählt werden. Auch die Annäherung an Russland und China gefällt nicht. Andererseits gibt es Lob, weil der radikale Islam unter Kontrolle gehalten wird und die Länder uns im Kampf gegen Terrorismus und Drogenhandel unterstützen. Bei der Bewertung nationaler und ethnischer Konflikte hält man sich zurück. Es gibt weder „Böse“ noch „Gute“. Ökonomisch wird auf den Drahtseilakt zwischen den Beziehungen zu Russland/China und der EU hingewiesen. Man akzeptiert, dass die lokalen Machthaber mit Doppelstrategien das Beste für ihre Staaten herauszuholen versuchen.

Die Interessen Russlands, Chinas und der Anrainerstaaten

In Mittelasien leben acht Millionen Russen, gut situiert und oft in gehobenen Positionen. Umgekehrt arbeiten Millionen Zentralasiaten in Russland. Die politischen, militärischen und ökonomischen Bindungen (siehe Eurasische Wirtschaftsunion) gestalten sich partnerschaftlich. Sie zeigen, dass es keine feindlichen Spannungen zwischen Russland und den Ex-Sowjetrepubliken geben muss, wenn sich der Westen nicht einmischt (Ukraine, Baltikum, Moldawien). Die Neue Seidenstraße ist das Vorhaben, das wiederum für China neue Routen für die Energieversorgung und Absatzmärkte schaffen soll. Mit dem Iran als seinem größten Erdöllieferanten baut das Reich der Mitte die Wirtschaftsbeziehungen trotz Trump massiv aus, was später den Bau neuer Landverbindungen und Pipelines über Tadschikistan und Usbekistan impliziert (Kaschgar – Meschhed). Peking hat dafür die Asian Infrastructure Investment Bank ins Leben gerufen, die als Gegenmodell zum westlich beherrschten IWF fungieren soll.

Der Blick durch die ökonomische Brille eines Westbesuchers

Zentralasien ist politisch und ökonomisch sehr inhomogen. Allein beim BIP pro Kopf liegen Welten: Während das rohstoffreiche Kasachstan mit 26.000 US-Dollar weltweit Platz 57 einnimmt, liegt der arme Nachbar Kirgisistan auf Platz 150. Dem Westbesucher fallen noch andere ökonomische Besonderheiten auf.

1. „Sanfter Islam“ leistungsfördernd

Der in Zentralasien gelebte liberale Islam überrascht. Wenige Moscheen und Koranschulen, junge Frauen in westlicher Kleidung und unverschleiert, großes Alkoholangebot, religiöse Toleranz gegenüber Christen – nach 1991 wurden dort viele Kirchen gebaut – fallen positiv auf. Mehr arbeiten, weniger beten, hieß die Devise zu Sowjetzeiten, die noch heute gilt. Wenngleich Dynamik, Leistung oder Ordnungsliebe in der Region nicht gerade erfunden wurden, geht vieles schneller voran als z.B. im überbürokratisierten Indien.

2. Grundsteine für eine Marktwirtschaft erkennbar

Das Straßennetz ist ein guter Indikator für den Entwicklungsstand eines Schwellenlandes. Besonders in Usbekistan lässt sich eine hektische Bautätigkeit beobachten (Stichwort Asia Highway). Usbekistan besitzt im Vergleich zu den Nachbarn neben bedeutsamen Rohstoffvorkommen (Gold, Uran, Erdöl und Gas) eine gute Verkehrsinfrastruktur, die aus Exporterlösen finanziert wird. Die Voraussetzung für die Schaffung marktwirtschaftlicher Verhältnisse ist damit gegeben – gäbe es nur den politischen Willen. Jedoch stören autokratische Lenkungsstrukturen, eben der träge „Kapitalismus von oben“, den effizienten „Kapitalismus von unten“. Volkswirtschaftliche Vorhaben haben Priorität, der Binnenmarkt muss warten. Eine Konsumgesellschaft lässt sich eben „schwieriger regieren“ als eine Produzentengesellschaft – das weiß man sowohl in Moskau als auch in Taschkent. China baut in Tadschikistan Autobahnen. Das Land bleibt dennoch das „Armenhaus“ der Region. Das hat etwas mit dem dort strengeren Islam zu tun.

3. Überbevölkerung – Türkei, Russland und EU beliebte Migrationsländer

Die Millionen Gastarbeiter in Russland und in muslimischen Ländern sind das Ergebnis der hiesigen Massenarbeitslosigkeit. Zentralasien zeichnet eine junge Demographie und Überbevölkerung aus – hier leben über 70 Millionen Menschen -, die sich ökonomisch nachteilig auswirkt. Die reicheren Staaten der Region steuern gegen und richten bescheidene Sozialsysteme ein. Selbst Familienplanung scheint in der Gegend angekommen zu sein. Usbeken und Tadschiken sind für hohe Geburtenüberschüsse bekannt.

Den Migranten fehlt der Glaube an die Schaffenskraft ihrer Heimatländer – ein schlechtes Zeichen für die Zukunft. Weil sie aber in Russland diskriminiert und ausgebeutet werden, träumen nicht wenige von der EU und Deutschland. Auch die sprachverwandte Türkei ist beliebt, wenngleich man dort wenig verdienen wird. In die religiös verwandten Golf-Staaten kommt dagegen niemand. Die reichen Glaubensbrüder ziehen es vor, Millionen für den Bau von Moscheen zu spenden. Die von Katar gebaute Große Moschee in Duschanbe ist das imposanteste muslimische Bauwerk der Neuzeit in der Ex-Sowjetunion.

Die guten Russisch-Kenntnisse vieler junger Leute, die es freiwillig lernen, wundern in diesem Kontext nicht. Denn mit den Touristen aus dem Norden lassen sich gute Geschäfte machen. Gebürtige Russen trifft man oft in Manager-Positionen in Banken und Hotels. Leistung kennt eben keine nationalen Grenzen. Was die Russifizierung im Zarenreich und in der Ex-Sowjetunion war, wird heute durch Freiwilligkeit ersetzt. Warum soll Russisch nicht die Integrationsbrücke bilden?

4. Handelsbilanzdefizit, schwache Währungen und andere Indizien typischer Entwicklungsländer

Importe von Gebrauchsgütern werden als Indikator fehlender industrieller Reife gesehen. Es sei denn, ein superreiches Land – wie die Golf-Staaten – kann sich jeden Luxus leisten. Wer durch die Einkaufszentren zentralasiatischer Großstädte bummelt, merkt, wie wenig vor Ort erstellt wird. Eine wettbewerbswirksame Spezialisierung fehlt, genauso wie das qualitative Humankapital. Dieses Unvermögen liegt an den kleinen Binnenmärkten – Kirgisien und Tadschikistan haben sieben bzw. neun Millionen Einwohner – ein gemeinsamer Markt fehlt wegen der nationalen Feindseligkeiten. West-Investoren meiden noch die Region.

Die zentralasiatischen Währungen haben in den vergangenen fünf Jahren gegenüber dem Euro zwischen zwei und 80 Prozent an Wert verloren. Währungsreformen warenunabdingbar. Insgesamt haben die Volkswirtschaften der Region bis auf Kasachstan den Abstand zur EU nicht verringern können.

Mit der Seidenstraße als Anziehungsmagnet wundert es, warum Tourismus in den Ländern Zentralasiens immer noch klein geschrieben wird. Zählen doch viele historische und Natur-Sehenswürdigkeiten zum Weltkulturerbe. Dafür gibt es viele Gründe. Es wäre nicht das erste Mal, dass arme Länder, die es „nötig hätten“, diese kostenlosen, natürlichen Einnahmequellen ignorieren.

Fazit: Ob Autokratie, Ökonomisierung und die Nichteinmischung des Westens das Wunderrezept ist, um den radikalen Islam in Schach zu halten, bleibt offen. In Zentralasien scheint das zu klappen. In Syrien und Libyen vormals auch.

Warum der radikale Islam in Zentralasien keine Chance hat

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