Polen: Verbündeter gegen Brüssel oder sturer Störenfried?

Polen: Verbündeter gegen Brüssel oder sturer Störenfried?

Polen: Verbündeter gegen Brüssel oder nur lästiger Störenfried?

 

DR. VIKTOR HEESE | Italiens Innenminister Matteo Salvini besuchte kürzlich Polen. Die Medien sinnierten über die mögliche Achse Rom-Warschau. Ist doch das Land dank der 38 Millionen Einwohner und einer höheren Wirtschaftskraft als Österreich und die Schweiz zusammen ökonomisch und politisch nach Italien der größte Opponent gegen Brüssel.  Polen macht seit Jahren Schlagzeilen. Positive wegen der harten Brüssel-Opposition, negative wegen der Russland-Feindseligkeit und gewisser „US-Hörigkeit“. Deutsche und westeuropäische „Populisten“ fragen sich nun, wie sie Polen, das sie gerne als Verbündeten gegen Brüssel hätten, einzuordnen haben.

Polen sehen sich gerne in der „Opferrolle“ und wollen keine „Täter“ sein

In seiner über 1000-jährigen Geschichte war Polen mehrmals als „Täter“ unterwegs. So bei der Kolonisierung der Ukraine, der Intervention im russischen Bürgerkrieg 1600-1612 (Besetzung Moskaus), als napoleonische Hilfstruppe (Befriedung Spaniens, Russlandfeldzug 1812), Ostfeldzug Pilsudzkis 1920 nach dem Fall des Zarenreiches, der Annexion von Teilen der Tschechoslowakei in 1938 (Tessin) oder bei der Besatzungszone im Irak-Krieg. Solche Themen werden aufgrund der mangelnden Selbstkritik tabuisiert, was das Verhältnis nicht nur zu Russland, sondern zur Ukraine, Litauen oder zu Weißrussland belastet. In diesem Kontext darf jedoch der Leidensweg Polens, das 123 Jahre seine Eigenstaatlichkeit verlor, keinesfalls unterschätzt werden.

Beziehungen zu Deutschen wieder angespannt. Warum?

Europa ist heute durch die Arroganz von Brüssel und Berlin gespalten. Nationale Kräfte in Polen nutzen die Einmischung deutscher „Demokraten und Gutmenschen“, um neue Vorurteile zu schüren. „Erst schicken sie uns die Wehrmacht und heute versuchen sie es mit den Migranten“ – klagen die Nachbarn. Da hilft nicht, dass Millionen Deutsch-Polen ein echtes Deutschlandbild vermitteln, es die AfD gibt und der Handel zwischen beiden Ländern (8. Platz gesamt) blüht. Die Ressentiments verstärken sich, auch weil viele nicht informierte Deutsche das Ostland noch für das Armenhaus Europas halten, sich als „EU-Gönner“ sehen und die „polnische Wirtschaft“ diffamieren (Spruch stammt von Friedrich dem Großen).

Das ist realitätsfremd. Polen ist in der kapitalistischen Welt seit einem Vierteljahrhundert voll angekommen. Seine Wirtschaft ist die dynamischste in der EU (stetes BIP-Wachstum von über vier Prozent). Der Boom ähnelt dem in Deutschland bis in die 1970er Jahre. Er zieht Millionen Gastarbeiter aus der Ukraine an.

Träumt der Michel davon, dass die Polen für ihn die „Rebellion“ gegen Brüssel machen?

Der passive Deutsche freut sich, wenn er hört, wie 200.000 Polen mit Nationalfahnen demonstrieren oder er von harten Streiks im Nachbarland hört. Ähnlich wird es ihm ergehen, wenn er die „Gelbwesten“ in Aktion sieht. Hätten wir solchen Mut, wäre es bald aus mit dem Merkelismus – wird sich der Michel vor dem Fernsehen sagen. Stattdessen beherrschen Antifa und die Türken unsere Straßen und bedrohen die kleinen Grüppchen von Frauen und Patrioten. Alles richtig. Leider werden die Polen nicht für einen EU-Austritt demonstrieren, damit in Deutschland abermals die Wende – wie 1989 – eingeläutet wird.

Will Polen aus Deutschland einen echten Russland-Feind machen?

Auch die Polen erwarten einiges von uns Deutschen. So macht sich der Michel Sorgen, wenn er hört, wie stur die Nachbarn das Energieprojekt Nord Stream 2 bekämpfen und nach „härteren“ Russland-Sanktionen lüstern. Meinen Polen das wirklich so oder wollen sie nur eine Trumpfkarte gegen Brüssel und Berlin haben? Hier gehen die Meinungen auseinander. Informierte meinen, dass die Polen es bis heute nicht verschmerzt hatten, dass die Russen ihnen ihr „Imperium“ – Polen reichte im XVII. Jahrhundert vom Baltischen zum Schwarzen Meer – entrissen haben. Das war nicht besonders schwer, denn der Vielvölkerstaat Polen-Litauen ging 1795 in Chaos und Intoleranz unter. Das Chaos merkte auch der Alte Fritz.

Mittelalter und Renaissance – als Polen nicht der arme Nachbar war, funktionierte es besser

In der Jagiellonen-Zeit 1385 – 1572 war Polen demgegenüber eine wirtschaftlich starke Großmacht und zog massenweise Leistungsträger und Glücksritter aus ganz Westeuropa an. Die Beziehungen zum Heiligen Deutschen Reich gestalteten sich damals vorbildlich. Daraus folgt: Deutsche werden vor Polen wieder Respekt bekommen, wenn diese sie wirtschaftlich einholen. Das kann innerhalb einer Generation passieren, wenn der Ostnachbar weiter so kräftig wächst und das Land, in dem wir „gut und gerne leben“, im Kostenchaos (Energiewende, Euro-Rettung, Migrationsmilliarden) langsam aber sicher untergeht.

Und was ist mit der Achse Rom-Warschau gegen Brüssel?

Es ist gut zu wissen, dass die Polen nicht nur Hitzköpfe, sondern auch Pragmatiker sein können. Sie schätzen die Bedrohung durch die EU als real und die von Russland als „virtuell“ ein, auch wenn sie es nicht zugeben. Sonst würden sie nicht so aktiv das Visegrad-Konzept mit den „russlandneutralen“ Südnachbarn vorantreiben und Salvini bejubeln. Daher ist die EU für sie wichtiger. Auch die PiS wird sich irgendwann mäßigen, frühestens wenn sie nach den Wahlen in 2019 einen Koalitionspartner brauchen wird.


(Der Autor Dr. Viktor Heese kommt aus Masuren und lebt seit über 40 Jahren in Köln. Er betreibt die Blogs prawda24.com und finanzer.eu)

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