Russland Sanktionen (1): Stehen jahrhundertealte Wirtschaftsbeziehungen Deutschlands mit Russland jetzt auf dem Spiel?

Bildergebnis für russland hanseOb Trump die Russlandsanktionen bald aufheben wird und die EU einen weiteren Alleingang wagt? Im der folgenden Reihe wird eine diesbezügliche Zwischenbilanz mit Schwerpunkt der Auswirkungen für Deutschland untersucht. Sie beginnt mit der Kurzhistorie deutsch-russischer Wirtschaftbeziehungen, analysiert ferner die eigentlichen Sanktionen (Instrumente, Geltungsbereiche, Auswirkungen) und endet mit dem Bild einer realistischen Zukunftsperspektive.
Von Dr. Viktor Heese

Unterschiedliche Sichtweisen des Historikers und des Ökonomen

 Der Historiker interessiert die Vergangenheit, wenn sie den zeitlichen Wandel (den Fortschritt?) und dessen Auswirkungen auf die Gegenwart und Zukunft beschreibt. Er bewegt sich auf der Zeitachse stets nach vorn. Der Ökonom sucht dagegen primär nach Mechanismen und Gesetzmäßigkeiten. Wenn er weltgeschichtliche Themen analysiert, darf er auf der Zeitachse hin und her „springen“. So wird der erste die 850 Jahre langen Wirtschaftbeziehungen – beginnend mit der Eröffnung des Handelskontors durch die Kaufleute der Hansestaat Lübeck in Nowgorod in 1160 und endend mit der Verhängung der Wirtschaftssanktionen gegen Russland in 2014 – wohl minutiös zu beschreiben versuchen. Es besteht dabei die Gefahr, dass der Leser durch die „Faktenmenge“ ermündet. Der Ökonom wird in den Beziehungen demgegenüber die folgenden Schwerpunkte und Parallelen sehen.

Fünf wiederkehrende Schwerpunkte bestimmen die Beziehungen:

 1. Handelsstruktur wie seit Jahrhunderten? Waren gen Osten, Rohstoffe gen Westen.

In der Fachliteratur ist zu finden, dass die Hansa in die russischen Handelsmetropolen Nowgorod, Pleskau oder Polozk deutsches und flandrisches Tuch, Waffeln, Glas, Wein, Bier, Salz, Silber und Buntmetalle lieferte – also Waren bei deren Herstellung technologisches Können notwendig ist und die in der Wertschöpfungskette höher stehen – und von dort vornehmlich Pelze und Wachs bezog. Diese Handelsstruktur, Waren und Technologie gegen Rohstoffe hält bis in die jüngste Vergangenheit an. Bezieht doch Deutschland – grob beschrieben – heute Öl und Gas und liefert Maschinen in das Ostreich. Das darf nicht zum Trugschluss führen, die Russen seien damals wie heute technologisch rückständig, was – so argumentierten zuletzt unsere Westmedien – größtenteils systembedingt sei. Wieder dieser Putin? Ein Vergleich von Helmut Schmidt, dem die Sowjetunion „..,wie Obervolta mit Atomraketen“ vorkam, erklärt das Dilemma. Die russischen Ressourcen reichen nicht für alles aus, in Spezialbereichen gibt es Spitzenleistungen, (Raketen) in anderen Unterentwicklung (Obervolta).

 2. westliches Humankapital war und ist in Russland sehr gefragt.

Wer an die russischen Gelehrten und Konstrukteure von Weltrang denkt (Lomonosow, Mendelejew, Koroljow, Tupoljew,Kalaschnikow), sieht dass es dem Land nicht an technischer Intelligenz mangelte. Ihm fehlten dagegen Unternehmerpersönlichkeiten, – Weltkonzerne wie die deutschen Adressen Bayer, Siemens oder Daimler hat das Ostland nicht aufbauen können – Fachkräften und selbst Bauern. Diese Lücke füllten zum Teil Westzuwanderer. Hier sei an die große Ansiedlungsaktion der deutstämmigen Zarin Katharina II in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erinnert. Seit der Neuzeit zogen nicht nur Deutsche gen Osten. Die erste russische Industrialisierung (1860-1900) ist unzertrennlich mit dem Namen Sergej Witte verbunden. Unsere Landsleute bekleideten im 19. Jahrhundert hohe Positionen in der Verwaltung und im Militär. Der Gazprom-Chef heißt heute Aleksei Miller. Deutsche DAX-Konzerne welche in Russland Großaufträge abwickeln, nehmen häufig eigen Belegschaften mit, weil es dort an Fachkräften mangelt. Das bewährte deutsche duale Ausbildungssystem ist in Russland unbekannt. Während meiner Dozententätigkeit an der Moskauer Akademie für Volkswirtschaft bemerkte ich, dass das Standardfach der BWL, die Kosten-und Leistungsrechnung gar nicht bekannt ist. Es fiel mir auf, dass Consulter verschiedener Couleur mit dem Thema „Kostensparen“ versuchten, mit den Russen ins Gespräch zu kommen. Wer darüber mehr erfahren will, der sei auf die Internetseiten und die Publikationen der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer http://russland.ahk.de/ hingewiesen.

3. realwirtschaftlicher Warentausch dominiert, Finanzinvestitionen sind Randgeschäft.

Bei den deutsch-russischen Handelbeziehungen waren Geld und die Finanzierung niemals der limitierende Faktor. Dafür waren beide Seiten zu pragmatisch eingestellt. So hieß es während des Kalten Krieges (1950 -1990), also in der Blütezeit des deutschen Osthandels, deutsche Manager, die nach Moskau zur Vertragsunterzeichnung reisten, nahmen stets zwei Koffer mit. In einem waren die Verträge im anderen das Geld, mit dem sie Russen bezahlten. Die Bundesregierung bürgte damals wie heute im Rahmen der Exportversicherung für die UdSSR – Kredite. Wer heute in Russland reine Finanzgeschäfte, so die angelsächsischen Adressen, betreiben will, hat einen schweren Standpunkt. Eine nennenswerte Aktienbörse existiert nicht, Konsumentenkredite lassen sich wegen der Rubelunsicherheit schlecht verkaufen und weder ausländische Banken noch Fonds – hier auf keinen Fall die vor einer Dekade „verjagten“ Hedgefonds – können im Land Fuß fassen. Wer sich realwirtschaftlich bindet, denkt, anders als der „fungible“ Finanzinvestor, an langfristiges Geschäft. Diese Fokussierung und die lange Tradition machen gerade die deutsch-russischen Wirtschaftbeziehungen wertvoll und stabil.

4. wenn es Handelsstörungen gab, dann nur durch Dritte.

Die guten Wirtschaftsbeziehungen hatten und haben in der Außenwelt nicht nur Bewunderer, sondern auch Neider. Zum einen waren es die Handelskonkurrenten (Engländer, Holländer), zum anderen Staaten, die mit Russland kriegerische Konflikte austrugen. Unter den letzten taten sich lange Zeit die Polen hervor, die im 17 Jahrhundert als Transitland den Handel auf dem Landweg permanent störten. So wurde der Löwenteil über die Ostsee abgewickelt. Erinnert uns das nicht ein wenig an die ständigen Klagen unseres östlichen Nachbars wegen der, durch Ex-Kanzler Schröder initiierten, neuen deutsch-russischen Gaspipeline durch die Ostsee? Durch sie ist Deutschland nicht mehr „beeinflussbar“, wie es im Falle der Störaktionen bei den Ukraine-Pipelins (Gasklau und unerlaubte Drosselung) der Fall war? Auch in den Zeiten des Kalten Krieges blieben Entspannungsversuche im Rahmen des „Wandel durch Handel“ vielen NATO-Falken ein Dorn im Auge. Heute kommen neue Akteure ins Spiel. Nachdem die Russen durch die EU und Obama beim Projekt South Stream massiv gestört wurden, wird die neue Pipeline nicht durch Bulgarien sondern durch die Türkei verlaufen (Türkish Stream) verlaufen. Na, dann viel Spaß. Während Dritte stets versuchten, sich einzumischen, lassen sich Russen und Deutsche trotz des Erbes der beiden Weltkriege, in ihren Bemühungen nicht beirren. Es ist kein Geheimnis, dass die Europäer/USA eine starke Deutschland-Russland-Allianz nicht wünschen, so wie sie ängstlich auf die Annäherung Russlands und China schielen. Das nennt man Geopolitik.

5. Russen sind lernwillig und schätzen das (höhere?) deutsche Know how.

Russen und Deutschen schätzen sich nach wie vor und verstehen einander- auch wenn unsere Medien das verschweigen. Die Osteuropäer sind lernwillig (!) ohne sich dabei selber zu klein zu machen. Ganz anders als die Angelsachsen, die z.B. in ihrer Lieblingsdisziplin Investment Banking lange Zeit nur tricksten, den „dummen unterentwickelten Europäern“ Finanzmodelle aufschwätzten, die im Endeffekt ihnen nur eine riesige Wertvernichtung bescherte. Die Russen haben kein Problem die überlegene deutsche Wirtschaftsleistung zu akzeptieren und versuchen daraus Vorteile für sich zu ziehen. Interessenten empfehle ich den Roman von Ivan Gontscharow„Oblomow“ in dem bereits vor 150 Jahren die unterschiedlichen Stereotypen des geschäftstüchtigen Deutschen Scholz und seines apathischen, leistungsschwachen russischen Freundes, des Gutsherrn Oblomow, plastisch beschrieben wurden. Die Russen glauben, dass die Deutschen ihnen am ehesten beim Anschluss an Europa helfen wollen. Sie klauen keine Technologie wie die Chinesen und müssen nicht befürchen sich auf den Weltmärkten irgendwann mit den Teutonen in Konkurrenten zu treten, da beide Länder sich wirtschaftlich zu unterschiedlich spezialisieren. Die Lernwilligkeit hat Geschichte. Kein geringerer als Zar Peter I reiste Ende des 17. Jahrhunderts inkognito nach Westeuropa um in Deutschland und Holland Schiffsbau zu studieren.

Im zweiten Beitrag wird gefragt, wie viel an den gewachsenen Beziehungen durch die dreijährigen Wirtschaftssanktionen tatsächlich zerstört wurde. Oder wird nur so heiß gekocht?

www.journalistenwatch.com/2017/02/16/russland-sanktionen-1-stehen-jahrhunderte-alten-wirtschaftsbeziehungen-deutschlands-mit-russland-jetzt-auf-dem-spiel/

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